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Von Kreuzberg nach Istanbul 29. Jan. 2013

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Cornelia Reinauer

Was macht eine Berlinerin in Istanbul?

Die Vögel leuchten. Jedenfalls sieht es so aus in dem gelben Licht, das den Galata-Turm anstrahlt. Möwen kreisen um seine Spitze. Auf der zweigeschossigen Galata-Brücke überquert Cornelia Reinauer das Goldene Horn, eine Seitenbucht des Bosporus, es ist nicht mehr weit bis zu ihrem Zuhause im Viertel Beyoglu.     Daniela Martens

Obwohl es weit nach Mitternacht ist, stehen auf der Brücke noch Angler, ein älterer Mann verkauft Köder und Haken. Am Ende der Brücke biegt Reinauer in eine schmale, unbeleuchtete Gasse, die bergauf führt, sie kennt den Weg genau. Seit Mitte 2007 lebt die ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg in Istanbul von der Pension, die sie als vorzeitig verrentete Landesbeamtin bezieht.

Cornelia Reinauer ist 58 und war Bibliothekarin, bevor sie Bürgermeisterin jenes Berliner Bezirks wurde, in dem fast 30 000 Menschen türkischer Herkunft leben. In Istanbul war sie 1981 zum ersten Mal, für drei Monate – um Türkisch zu lernen. „80 Prozent der Kinder bei uns in der Bücherei stammten aus der Türkei, mit denen wollte ich mich besser verständigen.“ Außerdem wollte sie in Istanbul Bücher kaufen, um in Kreuzberg eine türkische Bibliothek aufzubauen. Damals, sagt sie, habe sie einen Entschluss gefasst: „Eines Tages, wenn ich Zeit habe, will ich einmal länger hier leben, in dieser Stadt, die wie ein sich selbst verwaltendes Chaos funktioniert.“

Die Gelegenheit zum Umzug kam 2006, nach den Berlin-Wahlen. Die Linken-Politikerin verlor ihren Bezirk an den Grünen Franz Schultz. So zog sie, die ursprünglich aus einem Dorf in Schwaben stammt, in Berlins Partnerstadt an der Grenze zwischen Europa und Asien und wurde eine von Istanbuls 13 Millionen Einwohnern. Sie engagiert sich als Bürgerin der Stadt, nimmt etwa an Demonstrationen gegen die Gentrifizierung teil: „Der Prozess verläuft in Istanbul viel schneller und brutaler als in Berlin.“ Istanbul sei eben nicht nur eine „tolle, sondern auch eine sehr harte Stadt“. Und sie unterstützt ein Projekt, das alternative, behutsame Sanierungsformen und Bürgerbeteiligung einführen will. 2008 hat Reinauer den Verein „Forum Berlin-Istanbul“ mitgegründet, der sich um Austauschprojekte im Bereich Kunst, Kultur und gesellschaftliches Engagement kümmert.

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Es hat sich herumgesprochen in Berlin, dass es in Istanbul eine Ansprechpartnerin gibt. An diesem Abend, auf dem Weg Richtung Galata-Turm, führt Reinauer alte Bekannte und Kollegen aus Kreuzberger Behörden zurück in ihr Hotel. Reinauer war mit ihnen in einem Restaurant auf der anderen Seite des Goldenen Horns, im Stadtteil Fatih, wo es Fleisch von zwei Meter langen Spießen gibt.

Fatih ist der Stadtteil, in dem besonders viele religiöse Istanbuler leben. Im Restaurant sitzen an mehreren Nachbartischen Frauen im schwarzen Nikab, der nur ihre Augen frei lässt. Ihr Essen schieben sie unter den kurzen Schleier, der ihren Mund verdeckt. Für Cornelia Reinauer nichts Ungewöhnliches. „Man kann dieses Land nicht nach europäischen Maßstäben bewerten“, sagt sie. Die Frauen im Nikab seien auch in Istanbul in der Minderheit, oft seien es Touristinnen aus arabischen Ländern.

Auf ihrem Weg ist die kleine Gruppe jetzt wieder in einem helleren Viertel angekommen. Gleich ist Reinauer zu Hause. Sie wohnt in Beyoglu, das im europäischen Teil der Stadt liegt. Kreuzberg und Beyoglu ähneln sich etwas, findet Reinauer. In beiden Vierteln gebe es „eine multikulturelle Gesellschaft, viele Künstler und Menschen mit alternativen Lebensvorstellungen, Migranten aus verschiedenen Ländern und Menschen, die vom Land in die Großstadt gezogen sind.“

Ihr Kiez in Beyoglu besteht aus schmalen, an den Hang geschmiegten Straßen. Blütenzweige wachsen zwischen den niedrigen Altbauten, es gibt viele kleine Läden, Katzen sonnen sich auf Motorhauben und in Hauseingängen. Die Atmosphäre ist entspannt – anders als auf der nur ein paar Schritte entfernten Haupteinkaufsstraße Istiklal, durch die sich täglich 1,5 Millionen Menschen wälzen.

Wenn Cornelia Reinauer die Besitzerin eines kleinen Designerladens gegenüber ihrer Wohnung trifft, begrüßt sie sie mit Wangenküsschen und unterhält sich fließend auf Türkisch. Hier in Beyoglu scheint die Welt in Ordnung. Auch Cornelia Reinauers Wohnung im vierten Stock fühlt sich an wie ein Idyll – obwohl der Balkon mit Blick auf den Bosporus einsturzgefährdet ist. Durch die offenen Balkontüren dringt der Lärm der Stadt herein: Rufe, Motorengeräusch, Kirchenglocken.

Trotzdem will sie das alles irgendwann verlassen und nach Berlin zurückkehren, denn sie vermisst in Istanbul manchmal „das Grüne, die Beschaulichkeit, das Fahrradfahren“. Und trotz aller Liebe zu Istanbul sagt sie: „Berlin ist meine wirkliche Heimatstadt.“

 

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